4. Dezember
Das Gespräch
Abendbrot.
Wir sitzen am Tisch.
“Papa, jetzt mal ganz ehrlich…”', beginnt Kind 1 das Gespräch.
Was kommt jetzt, denke ich mir.
“Den Weihnachtsmann und das Christkind gibt's nicht wirklich.”
“Das stimmt doch, den gibt´s nicht!”, ergänzt Kind 2 forsch.
Innerlich beginne ich stark zu schwitzen und panisch zu lachen. Etwas von diesem Gelächter dringt wohl auch nach außen.
“Wir meinen das ernst.”, fügt Kind 2 ernst hinzu.
Ok. Jetzt nichts unbedachtes sagen. Nerven behalten. Oder wegrennen. Ich schwanke.
“Den Weihnachtsmann gibt es nicht. Nein. Weihnachten feiern wir ja die Geburt von Jesus, egal ob man nun christlich orientiert ist oder nicht. Das ist der Grund für dieses Fest. Und nicht, weil ein dicker Mann im roten Mantel vorbeikommt.”
Blendrakete gestartet. Sie zündet nicht.
“Ja. Aber die Geschenke an Nikolaus und Weihnachten bringen Mama und Du.”
Ich beginne nun unsicher und dümmlich zu grinsen. Ich lache psychiatrisch. Die Kinder bleiben ernst und schauen mich an.
“Davon geht ihr aus?”, frage ich.
“Ja. Oder warum ist einer von Euch Weihnachten immer nochmal “kurz weg” bevor wir in die Kirche gehen? Oder warum kommt der Nikolaus immer, wenn wir schon schlafen und ihr noch wach seid…?”, fordert mich Kind 1 heraus.
Ich bin ratlos. Beenden wir gerade ein Stück Kindheit? Bin ich dazu bereit? Nein!
Ist es für die Kinder wichtig, sie jetzt, in diesem Moment ernst zu nehmen? Ja!
“Was möchtet Ihr denn jetzt gerne von mir hören?”, frage ich ungeschickt.
“Die Wahrheit.”, sagen beide im Kanon.
Irres Lachen. Erneut. Jetzt schwitze ich auch äußerlich. Ich glaube, ich bekomme Fieber.
“Die Idee, dass das Christkind und der Nikolaus an den jeweiligen Tagen Geschenke bringen, ist doch gut, oder?”, frage ich erneut.
“Ja!”, lautet die übereinstimmende Antwort.
“Und die darf man sich bewahren.”, fahre ich fort. “Ich freue mich auch jedes Jahr aufs Christkind.”
Fail.
“Aber das Christkind bringt nicht die Geschenke. Jetzt sag schon”, werde ich unmissverständlich aufgefordert, den heißen Brei endlich zur Seite zu stellen.
Ich atme tief.
“Das Christkind und den Nikolaus gibt es so nicht. Es gibt keinen Mann im Schlitten, der am Nikolaustag die Stiefel füllt”. Ich spreche mit langsamer und gebrochener Stimme. Harte Nummer.
“Und Mama und Du legen die Geschenke hin…”
“Und Mama und ich legen die Geschenke hin.”
Jetzt ist es raus. Habe ich etwas falsch gemacht? Fast fühlt es sich an, als hätte ich mich selbst um den Geist der Weihnacht betrogen.
Und die Kinder? Wirken plötzlich entspannt und nehmen das Essen wieder auf.
Es herrscht Schweigen.
“Dann hast Du uns die ganze Zeit belogen.”, stellt Kind 1 trocken fest.
“Nein”, ich werde bestimmt, “das habe ich nicht. Weihnachten beruht ja auf der biblischen Geschichte und begleitet Menschen seit sehr, sehr vielen Jahren. Weihnachten hat einen Hintergrund. Und wir erzählen uns diese Geschichte, jede Familie auf ihre ganz eigene Art, und machen sie dadurch lebhaft und spürbar. Ich habe Euch nie belogen. Aber ich wollte Euch verzaubern und zum Staunen bringen und mitnehmen.
Wenn wir ins Theater oder in die Oper gehen, dann verkleiden sich die Schauspieler dort auch, oder die Schauspieler im Fernsehen. Würdet Ihr sagen, dass die lügen?”
Ruhe.
“Nein”, antworten beide Kinder nacheinander.
“Und so ist es auch mit Weihnachten. Wir erzählen eine Geschichte. Gemeinsam.”
“Das Christkind und den Nikolaus gibt es also nicht?”, will Kind 2 sich noch einmal vergewissern.
“Nein, aber die Vorstellung davon gibt es. Und die Geschichten und die Traditionen, die uns alle seit sehr langer Zeit begleiten.”, sage ich und spüre wieder eine gewisse Sattelfestigkeit.
“Die Kinder in der Schule sagen immer alle, dass es das Christkind gibt. Aber das stimmt gar nicht.”, strotzt Kind 2 nun.
“Die Kinder in deiner Klasse glauben daran. Und das ist gut und richtig. Du hast Dir vielleicht schon mehr Fragen gestellt als andere Kinder. Aber es ist keine Trophäe zu wissen, dass es das Christkind körperlich nicht gibt. Und es wäre richtig unfair den anderen Kindern zu erzählen, dass das, was sie glauben, falsch sei. Ok?!”
“Ja, die können das ja glauben.”
“Genau. Wenn man sich deswegen streiten würde, würde davon niemand einen Gewinn haben.”
Wir essen weiter und das Thema ist beendet.
Am nächsten Tag:
“Papa, nur noch fünfmal schlafen, dann kommt der Nikolaus. Hast Du noch Schuhcreme? Und ich habe noch einige Sachen für meinen Wunschzettel für Weihnachten. Wie erfährt das Christkind eigentlich von den ganzen Wünschen?”
Ich bin verblüfft. Als sei nicht gewesen, als hätte es das für mich nervenzerreißende Gespräch am Abendbrottisch nie gegeben, schwelgen die Kinder in Weihnachtsvorbereitungsphantasien. Spürbar sind Nikolaus und Christkind in ihren Gedanken dabei. Und das bleibt auch in den kommenden Tagen so.
Und die Moral von der Geschicht?
Glauben und Wissen schließen sich nicht aus. Wir müssen unsere Kinder nicht vor Dingen beschützen, die sie gar nicht bedrohen. Wir können sie ernst nehmen, ohne unsere eigenen Ängste auf sie zu projizieren. Eine gelingende Kindheit ist nicht abhängig von ein paar schönen Vorstellungen, sondern von der Wahrheit ernst genommen zu werden. Auch wenn´s für Papas manchmal schwierig ist.
Kinder können Glauben und Phantasie auch dann entwickeln, wenn sie nach Wissen streben dürfen. Beides schließt sich nicht gegeneinander aus. Und das gilt auch für Erwachsene.
Die guten Mächte, von denen Dietrich Bonhoeffer in seinen Briefen aus der Haft schreibt, die uns so wunderbar umgeben, sind nicht wirklich da. Das wissen wir. Und trotzdem spüren und fühlen wir sie oft und glauben an sie. Ganz unabhängig davon, was wir als “Glaube” bezeichnen mögen.



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