Wandern mit Kindern II - Der Flow

Gute 11 Kilometer können weit für die Beine eines Grundschülers.
Gute vier haben wir schon weggewandert und die Stimmung ist gut. 

Ich bin mit meinem Sohn und seinem Kumpel unterwegs. Sie geben Gas, nutzen die Wanderstöcke wahlweise als Wanderstöcke, Lichtschwert, Schwert oder Krücke. Sie rennen den Wald rauf- uns runter und entwickeln ca. alle sieben Minuten Zwischenbedürfnisse wie Durst, Pipi, Hunger, Stein im Schuh oder Jacke aus/an.

Es läuft. Es stockt.

Csíkszentmihályi (sprich: Chick_send_me_high), Psychologe und Definator des Flows, 


(Quelle: Wikipedia)


spricht von mindestens vor Voraussetzungen, die erfüllt werden müssen, um in einen Flow zu geraten. Flow definiert er dabei als "das als beglückend erlebte Gefühl eines mentalen Zustandes völliger Vertiefung (Konzentration) und restlosen Aufgehens in einer Tätigkeit („Absorption“), die wie von selbst vor sich geht – auf Deutsch in etwa Schaffens- bzw. Tätigkeitsrausch oder auch Funktionslust."

Davon sind wir weit entfernt. Vertiefung findet statt, jedoch sekündlich bis minütlich in neue Aufgaben und Tätigkeiten.

Mir ist das egal. Wir spaßwandern ja. Aber ich weiß, dass aus Spaß, irgendwann bei Kilometer acht, auch Ernst werden kann. Nämlich dann, wenn die körperliche Überforderung eintritt.

Wir machen eine Pause und ich plane unsere Route neu. Statt über unbefestigte, breite Waldwege gehen wir nun direkt auf Wege direkt im Wald.
Die sind zugewachsen, steinig, steil und spannend. Sie bieten viel, fordern jedoch hohe Konzentration, um sicher auf ihnen zu gehen.

Plötzlich sind die Wanderstöcke nur noch Wanderstöcke, denn ihre Funktion ist tatsächlich nötig. Sie können keine Lichtschwert mehr sein. Denn Lichtschwerter bewahren niemanden davor auf die Fresse zu fliegen.

Nach Chick_send_me_high (sprich: Csíkszentmihályi) ist der Flow durch 3 Dinge gekennzeichnet, plus eine wichtige Voraussetzung

1. Verschmelzung von Handlung und Bewusstsein
Sind wir im Flow, so machen wir nicht etwas und denken über etwas anders nach. Machen und Denken sind eins. Wir gehen in unserem Tun auf.

2. Zentrierung der Aufmerksamkeit auf die momentane Tätigkeit
Flow braucht also eine Tätigkeit. Während man nichts tut, kann schlecht ein Flow entstehen. Entspannung ja, aber kein Aufgehen darin. Ich behaupte, dass das Wandern die Flow-Bildung durch seine positive Stupidität fördern kann. Schritt, Schritt, Schritt,... die Gleichförmigkeit der Bewegung fördert die Verschmelzung von Tun und Denken. Ich habe darüber die Erfahrung gemacht, dass körperliche Belastung auch ein Pro-Faktor ist, um in den Flow zu kommen.

3. Selbstvergessenheit
Weniger eine Voraussetzung als ein Ergebnis: Wenn der Flow eintritt, tritt das „Ich“ in den Hintergrund. Manchmal eine wundersame Kur fürs Ego.

Kontrolle über Handlung und Umwelt
Entsprechend der Grafik oben findet sich der Flow irgendwo zwischen Unter- und Überforderung. Bedeutet: der untrainierte Start bei einem Ironman ist nicht der Weg zum Flow. Der gemütliche Stadtbummel auch nicht. Wer sich fordert, ohne das Gefühl zu haben die Kontrolle zu verlieren oder aufgeben zu müssen, geht einer potenziellen Flow-Tätigkeit nach.

Und die umgeplante Route wirkt. Die wandernden Jungs konzentrieren sich auf den Weg und laufen fröhlich vor sich hin. Ich beobachte sie. Der inhaltliche Austausch nimmt ab, die Gesichter sind entspannt, der Weg fliegt vorbei. Die Beschaffenheit der Weges, Steigungen spielen keine Rolle mehr. Es geschieht einfach. So laufen wir mehr als eine Stunde. Ruhig, gelassen, im Fluss. Es funktioniert.

Einen guten Kilometer vor dem Ziel ist dann die Luft/Lust raus. Aber da riechen wir quasi schon die anvisierte Pizza. Das reicht an Motivation und wir schließen die Wanderung geschafft und entspannt ab.

Warum viele Kinder Spaziergänge hassen

Die Flow-Theorie ist auch ein fundierter Erklärungsansatz warum viele Kinder Spaziergänge hassen und in höheren Altersklassen oft vehement ablehnen. 
Der von Eltern flankierte Spaziergang ist meist von konsequenter Unterforderung begleitet. Und Unterforderung fördert Langeweile. Und Langeweile ist monoton.

Das Verschmelzen von Tun und Selbst ist so quasi ausgeschlossen. Nichts passiert. Erwachsene sind langweilig und doof.

Ja, es ist eine Herausforderung den Grenzbereich zwischen Unter- und Überforderung zu finden. Denn auch Überforderung nimmt Kindern den Spaß und die Motivation.

Aber es ist einen Versuch wert! Denn ein Flow-Erleben kann für Kinder die Tür zu einer wunderbaren Beschäftigung öffnen: dem Wandern - ganz jenseits von jeder piefigen Verzopftheit.

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