Gedanken am Sonntag 25.09.2022
„Nicht die Glücklichen sind dankbar, sondern die Dankbaren sind glücklich.“
„Dankbarkeit bedeutet sich in das zu verlieben, was man bereits besitzt.“
Nee. Beide Zitate sind nicht von mir. Aber sie stimmen für mich.
Ich war heute suizidal.
Nein, keine Sorge, niemand muss jetzt Hilfe für mich rufen. Ich habe einen Menschen mit suizidalen Absichten in einem Rollenspiel gespielt, um einer Kollegin in einer Weiterbildung die Möglichkeit zu bieten, mich "down zu talken". Sprich: Mich von der konkreten Absicht mein Leben zu beenden abzubringen.
Solche Situationen werfen Fragen auf und werfen mich auf auf mich und meine existenziellsten Fragen zurück.
Gleichzeitig bin ich dankbar, dass ich merke, dass ich fest im Leben stehe und froh bin zu leben.
Im Rollenspiel mit dem Tod entsteht also etwas positives.
Gleichzeitig weiß ich, dass sich auch heute wieder Menschen das Leben nehmen werden, viel mehr versuchen es. Aus dem Gefühl heraus, dass es nicht mehr weitergehen kann. Das Leben gerät an eine Mauer, eine Grenze, die unüberwindbar erscheint.*
Angst, Wut und Trauer finden oft im Verborgenen statt und ich bin dankbar, dass es Menschen gibt, die diese Angst, Wut und Trauer aus dem Verborgenen holen. Ich bin dankbar in manchen Kontexten zu diesen Menschen gehören zu dürfen.
Dankbarkeit ist einfach, wenn die Dinge, für die man dankbar sein kann, griffbereit liegen.
Ich zähle mich dazu. Mir geht es gut. Dankbarkeit ist leicht. Und gleichzeitig ist Dankbarkeit eine Übung.
Denn auch im größten Wohlstand kann ich mich auf die Undankbarkeit fokussieren und mich darin suhlen und mies fühlen.
Hau ab
Ich sitze auf einem Baugerüst und brülle meiner Rollenspielpartnerin entgegen "Hau ab, hat doch eh alles keinen Sinn." Ich suhle mich in meiner Rolle und merke wie die Hoffnungslosigkeit in mir aufsteigt. Alles mist. Das geht schnell.
Sie bleibt und geht nicht weg. Sie hält meine Beleidigungen und mein Selbstmitleid aus.
Mehr und mehr bin ich dafür dankbar. Sie vermittelt Ruhe in meinem inneren (gespielten und doch spürbaren) Sturm.
Es dauert lange, aber meine Rolle beginnt zu sehen, was sie im Leben noch hat. Irgendwas ist da noch.
Und in meiner Rolle klettere ich vom Gerüst.
"War ja nur ein Rollenspiel!", kann man sich jetzt denken.
Ja. Aber auch in diesem Spiel wäre ich (gespielt) gesprungen, wenn die Beziehung zu meiner "Talkdownerin" nicht funktioniert hätte.
Ich nehme von heute mit, dass ich es in der Hand habe dankbar zu sein. Glück lässt sich nicht finden oder herstellen, aber Dankbarkeit lässt sich sehen. Wenn wir danach suchen. Und... zack... fühlt man sich ein kleines bisschen glücklicher.
Habt einen schönen Sonntag!
* Haben Sie, oder Menschen in Ihrer Umgebung, Suizidgedanken? Dann sprechen Sie es offen an und holen Sie sich Hilfe. Eine gute Anlaufstelle ist immer die 112 oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111)


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