11. Dezember



Warum Ross Antony jetzt zu meinem Weihnachten gehört

Heiligabend 2020. Alles ist geschlossen. Zu. Lockdown. Kein Weihnachtsmarkt, keine Kneipe, kein Restaurant, keine Kirche, kein Gottesdienst, keine Gäste. Weihnachten ganz anders.

“Gehen wir dann in dies Jahr nicht zum Krippenspiel?”, hatte mich Kind 1 Tage zuvor gefragt.

Gute Frage. So ein heiliger Abend kann schon teuflisch lang werden, wenn man nichts anderes zu tun hat, als abzuwarten.
Wahrscheinlich wurden deshalb die Kindergottesdienste am 24.12. erfunden: als Dienstleistung für die Eltern und als Dienst an der Gesellschaft, um kollektive Familienkrisen, induziert durch freudefiebernde Kinder, zu vermeiden.


Nicht mit Papa. Kurzerhand beginne ich meine Karriere als Wald-Pfarrer.
Im Untergrund, jenseits aller Regeln und Verordnungen, werde ich einen Weihnachtsgottesdienst abhalten. Keine Ahnung wie genau. Aber er wird stattfinden.
Ich lade meine Eltern dazu ein und so steht unsere kleine Gemeinde, pünktlich zur Dämmerung mitten im Wald. Ein paar Kerzen leuchten und ich gebe mein Bestes.
Es ist der wohl theologisch schlechteste, aber stimmungsvollste und emotionalste Gottesdienst, den alle Beteiligten je erlebt haben.


Entsprechend der geltenden Verordnung trennen sich die Wege anschließend wieder.


Zuhause war schon das Christkind da. Die Kinder sind beruhigt. Wir auch. Manche Dinge ändern sich doch nie und sind anscheinend massiv krisenresistent.


Geschenke. Spielen. Essen. Spielen.


Es ist schön. Aber wir sitzen in der vorzufindenden Gruppe nun seit etlichen Monaten fast ständig zusammen. Irgendwie ist die Luft raus.

Also tun wir etwas eigentlich Unvorstellbares.


Wir beschließen am Heiligen Abend, Fernsehen zu gucken.


Zur Auswahl stehen eine Reihe von Weihnachtsfilmen für ältere Kinder, “Die Feuerzangenbowle” - für kleine Kinder unattraktiv - und “Heiligabend mit Carmen Nebel”.


Entscheidung gefallen. Carmen Nebel wird unseren heiligen Abend begleiten.

12 Monate vorher hätte ich das noch kategorisch ausgeschlossen, abgewehrt und Geld dagegen gewettet.


Ich habe seit Jahren kein lineares Fernsehen mehr geguckt. Und bei meiner letzten Volksmusiksendung war Karl Moik noch richtig gut in Schuss.
Volksmusiksendungen sind eine liebevolle Erinnerung an meine Kindheit. Sie waren nie gut, strahlen aber irgendwie warme Vergangenheitsstrahlen auf meine Gegenwart.

Jedoch war ich immer ein großer Fan von Unterhaltungssendungen, diesen fast ausgestorbenen Urgesteinen des frühen Fernsehens. Rudi Carrell lässt mich bis heute verklärt gucken und Thomas Gottschalk-Fan werde ich immer bleiben, egal wie onkelig er auch noch werden wird.


Carmen Nebel also.


Die Show ist krass. 


In einer Studiodekoration, irgendwo angesiedelt zwischen Shisha-Bar und Alpenhütte, sitzen ein paar Haudegen der aktuellen Volks-Unterhaltungsgarde. Die meisten kenne ich nicht und das Ganze ist offensichtlich aufgezeichnet.

Es gibt keinerlei Publikum. Showunterhaltung XXS.
Aber irgendwie intim und im positivsten Sinne improvisiert.


Die Kinder lieben es. Wir sind entspannt. Es ist schön. Ganz einfach schön.


Auch Ross Antony ist da. Als Teil einer Popstars-Combo habe ich ihn noch in lustiger Erinnerung. Bei aller gespielten Festlichkeit finde ich ihn positiv unverfälscht. Er hat Spaß an dem, was er macht - so wirkt es auch im Vergleich zu den anderen Recken der Sendung.


Er singt, gemeinsam mit seinem Ehemann, “Es ist Weihnachten”, einen pompösen und überraschungsfreien Weihnachtspopschlager.
Die Kinder lieben ihn und sie lieben die Musik.


In den Tagen danach wird unser Streaming die Taschen des Künstlers ordentlich füllen, so oft spielen wir die Lieder seines Weihnachtsalbums.


Und irgendwie ist es schon. Wir grölen zusammen den Text, tanzen dazu und freuen uns.
Es passt.


2021


Als die Vorweihnachtszeit im Jahr darauf anbricht, ist alles wieder normaler. Ich habe den Weihnachtsabend 2020 vergessen und spiele meine Standardweihnachtslieder rauf und runter. Meistens eine krude Mischung aus Chormusik und Jazz, gepaart mit Frank und Dean und Ella.


Es ist Weihnachten, da leuchten die Kerzen. Weihnachten, wie in jedem Jahr.”, singt eines der Kinder an einem Nachmittag plötzlich.


BÄM! Da ist es wieder. Stimmt.
Sofort muss es angespielt werden und läuft bis Weihnachten rauf und runter.


Es gehört irgendwie dazu, zu unserem Weihnachten.

Verrückt.


2022


Meine Vorweihnachtsmusikzeit beginnt traditionell irgendwann Mitte November. 

Ross Antony ist nun ein fester Teil von ihr. Leise und ungeplant hat er sich in die Playlist unseres Lebens eingeschlichen.

“Jetzt ist Weihnachten”, sagt Kind 1, als er die Klänge des Liedes zum ersten Mal in der aktuellen Saison hört. Er strahlt dabei über das ganze Gesicht.


Ich merke mal wieder: wir können planen und vorauschauen wie wir wollen. Wir können Sachen gut oder schlecht finden. Situationen und daraus resultierende Emotionen können wir nicht beeinflussen. Und das ist auch gut so.


Weihnachten 2020 war eine Besonderheit. Eine Herausforderung. Eine Belastung.

Und in diese Unsicherheit hinein wurde eine improvisierte Unterhaltungssendung zum Startpunkt für den Weihnachtssoundtrack unserer Familie.


Ross Antony wird ab jetzt irgendwie immer dazugehören. Und ich bin ihm dafür dankbar.

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