Geschichten von der Friedhofsbank I *
"... und, welche Pläne haben Sie für den Todestag Ihres Sohnes?"
Die Dame sitzt neben mir. Gemeinsam blinzeln wir in die Herbstsonne. Im Gespräch der letzten 45 Minuten hat sie mir erzählt, dass sie vor einem knappen Jahr ihren Sohn verloren hat. Dabei war sie offen, detailreich und bildhaft.
Morgens lag er, 17 Jahre alt, einfach tot im Bett. Eine genaue Todesursache wurde nicht herausgefunden. Sie tappt irgendwie im Dunkeln. Und trotzdem erlebe ich, gemeinsam mit ihr auf der Bank, eine spürbare Freude am Leben.
“Wissen Sie… Das wird ein Tag wie jeder andere auch. Ich vermisse mein Kind jeden Tag und das wird auch immer so bleiben. Da brauche ich an keinem bestimmten Tag irgendwelche Besonderheiten. Ich werde auch seinen Geburtstag nicht feiern. Er ist ja weg.”
Wir schweigen. Erkennbar geht ihr Blick in die Richtung in der das Grab ihres Sohnes liegt.
“Wissen Sie… es wird besser. Das kann man sich gar nicht vorstellen. Ich konnte mir das nicht vorstellen. Fast wäre der Todestag von Julian** auch meiner gewesen, aber ich hänge am Leben.”
“Das spüren Sie?”
“Ja, das spüre ich. Ich war sogar schon wieder im Urlaub. Ich wusste nicht, ob ich das schaffen würde. Weg von zuhause… Aber es war gut. Es tat gut.
Wissen Sie… ich frage mich oft, ob ich Freude empfinden darf. Mein Kind ist ja tot. Aber die Freude ist da, genauso wie die Trauer. Also lasse ich sie zu. Vielleicht überwiegt ja sogar irgendwann die Freude. Momentan ist die Trauer noch viel öfter da.”
Sie steht auf.
“Danke fürs Da-sein.”
“Danke für Ihr Vertrauen.”
“Bis bald.”
“Vielleicht”, antworte ich und sehe der Frau noch lange nach.
Manchmal ist Hoffnung da, wo ich sie am wenigsten erwarte. Wie in den Worten einer Mutter, die ihr Kind beerdigen musste.
Ich packe zusammen und gehe. Für heute ist genug gesagt und zugehört.
* Die Gesprächspartnerin wurde selbstverständlich gefragt, ob ich über das Gespräch anonym schreiben darf. Sie hat ja gesagt. **Name geändert



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