Trost
Wir haben einen Baum neben der Terrasse stehen. Eine herrliche Pflanze. Vor einigen Jahren habe ich ihn mit einigen hundert Lichtern verschiedener Lichterketten ausgestattet.
Somit wird er in der dunklen Jahreszeit seitdem zu einem Lichtpunkt für uns.
In diesem Jahr habe ich ihn noch nicht angeschlossen. Ich empfinde ihn als irgendwie nicht passend. Er ist energetischer Luxus.
Nein. Ich erhebe nicht meinen Finger. Nein, ich verurteile niemanden, der/die/das seinen/ihren Garten entsprechend einer Flugzeuglandebahn illuminiert.
Aber für mich fühlt es sich anders an als sonst. Ich hadere mit mir.
Vom Kleinen ins Große
Zahlreiche Städte tun das zur Zeit auch. Sie hadern. Stadtverantwortliche fragen sich, wie und wo sie möglichst viel Energie sparen können. Und irgendwie sind Städte auch nur große Gärten. Gärten, die jedes Jahr zur Weihnachtszeit festlich beleuchtet werden wollen.
Anders als Lampen zur Verkehrssicherung und Verkehrsleitung ist Festbeleuchtung nicht unmittelbar nötig. Bleibt sie aus, ändert das nichts.
Könnte man denken.
Vom Sinn öffentlicher Weihnachtsvorfreude
Dann bleibt das Licht halt aus… rabimmel rabammel rabumm bumm bumm, wir gehen alle nach Hause und sind dort vorfreudlich vorweihnachtlich. Das spart öffentliche Energie.
Ja. Aber.
Nach zwei Vorweihnachtszeiten im Zeichen von Corona drängt es viele von uns dazu, Weihnachten auch wieder im Kollektiv zu erleben. Ich bin kein Weihnachtsmarktfan. Aber auch ich kann mich dem Duft, den sich vermischenden Weihnachtsliedern, dem überteuerten und überzuckerten Glühwein nicht entziehen. In Summe hat all das einen Wert an sich.
Es klingt banal, aber es tut gut.
Das Weihnachten 2022 steht im Zeichen des Ukrainekriegs. Ein Krieg, der ganz nah ist, der unser Jahr begleitet hat und der nun mit sich bringt, dass Dinge, die bisher erschwinglich waren, plötzlich immer schwieriger zu bezahlen sind.
Für viele Menschen wird die Weihnachtsgans in diesem Jahr zu einem Objekt des Sparens und die Gasrechnung zum Grund schlafloser Nächte.
Dafür braucht es wirtschaftliche Lösungsansätze und politische Kalkulationen.
Und es benötigt Trost.
Trost, ein Wort wie aus einer längst vergangenen Zeit. Es bedeutet Zuspruch und Ermutigung, aber auch seelischen Halt.
Trost kann man sich selbst spenden, im Idealfall wird er uns aber gespendet, weil wir ihn in Zeiten der Kraftlosigkeit brauchen.
Trost erfahren wir durch Zuwendung, Zuneigung, Nähe, Wärme, Musik. Durch non-verbalen und verbalen Zuspruch. Trost ist mehr als ein “Du schaffst das schon”. Trost ist echte Anteilnahme und Begleitung.
Von außen nach innen
Durch Herbst und Winter kehrt die Dunkelheit ein. Ganz natürlich. Viele Menschen fühlen in dieser Jahreszeit das, was oft als Blues beschrieben wird.
Dazu kommen in diesem Jahr sachliche Probleme finanzieller Art, Ängste vor der Entwicklung des Krieges und Corona ist auch noch in da house.
Und dann schalten wir das Licht aus.
Menschen, denen es nicht gut geht, erfahren so eine Bestätigung ihrer Stimmung und pessimistischen Haltung. Ein Zirkelbeweis. Ein Teufelskreis. Das Innere und das Äußere werden eins.
Dem Trost wird der Strom abgedreht.
Trost entsteht, wenn man sich begegnen kann, in schöner Umgebung, in Ruhe. Wer die Erfahrung macht, dass Licht und Wärme privat unerschwinglich werden, und dieselbe Erfahrung auch im öffentlichen Raum macht, der findet Misere und Kränkung.
Als Gesellschaft können wir es uns ein “Weiter so” nicht leisten. Sinnloser Energieeinsatz präsentiert seine Sinnlosigkeit offensiv und das ist auch gut so.
Gleichzeitig geht die Sache weiter. Trost hat einen Wert, den wir nicht vergessen dürfen.
Trost ist ein Baustein von Seelsorge, den wir uns leisten sollten. Weil er uns allen dient: Tröstende und Getröstete. Weil er im Hier und Jetzt wirkt, aber auch einen langfristigen Nutzen hat.
Wir sollten die Lichter anschalten und anlassen. Vielleicht schalten wir sie später an und früher aus. Vielleicht versehen wir sie mit Bewegungsmeldern, so dass nur Energie fließt, wenn sie gebraucht wird. Vielleicht dimmen wir das Licht. Aber wir sollten es anlassen.
Trost war selten so wichtig wie heute. Wir können ihn uns leisten. Weil wir es uns nicht leisten können, ihn uns nicht zu leisten.
Mein Baum
Ich werde unseren Lichterbaum demnächst anschließen und leuchten lassen. Weniger als in den letzten Jahren. Aber er soll seine Aufgabe erfüllen können: Alltagstrost spenden.
Denn ich empfinde Trost nicht als traurig oder als zu umgehenden Umstand. Trost brauchen wir alle, jeden Tag, ganz unterschwellig.
Und gerade jetzt sollten wir ihn in unsere Mitte holen und pflegen.



Kommentare
Kommentar veröffentlichen