Es ist so eine Sache mit Glauben, Kirche und Spiritualität.
Sicher ist: Kirche ist im Rückzug. Die Zahl der Kirchenmitglieder sinkt kontinuierlich und auch die Abstimmung mit den Fußen, die sonntäglichen Gottesdienstbesucher, gehen sicht- und zählbar zurück.
Gleichzeitig sticht ins Auge, dass immer mehr Vorgärten, Wohnzimmer, Wellness-Oasen, Wartezimmer, Hotels, Ferienwohnungen und andere öffentliche- oder halböffentliche Orte, vor spirituellen Objekten nur so überlaufen.
Ja, es gibt sie: die Wellenbewegung der Dinge. Wenn etwas lange da war, dann gibt es häufig einen Trend zum Gegenteil. Das kann man in fast allen Bereichen der Kultur recht leicht ablesen. Auf eine Dekade elektronischer Musik folgen Intervalle von handgezupfter Singer- und Songwriter Tonkunst.
Auf CGI-Filme folgen ruhige Independent-Movies. Und so weiter.
Da ist es verständlich, nach Jahrhunderten der christlichen Symboldominanz, dass wir uns davon lossagen. Rebellion. Weg damit. Verständlich und nachvollziehbar.
Und doch ist da mehr.
Die Kreuze und Heiligenfiguren verschwinden. Die entstehende Leere tut weh und wird aufgeladen mit neuen Quellen der Selbstversicherung, dass es so gut werden möge.
Generation Wandtattoo
Nein. Ich meine das nicht ironisch.
Ja. Ich kann mit solchem Wandschmuck gar nichts anfangen.
Jedoch freue ich mich, wenn solche Sinnsprüche Menschen Freude bereiten und sie bereichern.
Und trotzdem denke ich darüber nach.
Es gibt an thailändischen Flughäfen, so wurde mir erzählt, Banner auf denen sinngemäß steht: Macht unsere Götter nicht zu Eurem Souvenir.
Basierend ist diese Bitte auf der Tatsache, das der Buddhismus sich wachsender Beliebtheit bei europäischen Sinnsuchenden erfreut. Ganz losgelöst von Traditionen und Liturgie taugt der freundliche Dickbauch dazu, sich spirituell fallen zu lassen. Gleichzeitig darf man sich weiter als Atheist kennzeichnen, denn der Buddhismus ist ja keine Religion. Das ist Schwachsinn, wird so aber häufig kolportiert.
So füllen sich Vorgärten, Wohnzimmer, Wellness-Oasen, Wartezimmer, Hotels und Ferienwohnungen mit Statuen, kleinen Zen-Gärtchen und herrlichen anderen Symbolen und erfüllen ihren Zweck:
Sie füllen den physischen Raum.
Füllen Sie auch den psychischen?
Vielleicht sind wir uns einig: Kirche (was auch immer das bedeutet) hat in den letzten Jahrzehnten viele Fehler gemacht und ist manchmal tatsächlich extrem unattraktiv, altmodisch und weltfremd.
Geschenkt!
Auf der Suche nach Antwort auf essentiell existenzielle Fragen bietet Religion (jede Form davon, muslimisch, christlich, jüdisch, buddhistisch,...) jedoch gut durchdachte Antworten, Wege und Ideen.
Die kann und darf man ablehnen. Absolut. Nachdem man sich mit ihnen beschäftigt hat.
Alle Religionen vermitteln einen Glauben, eine Idee, einen Impuls. Niemand weiß woher wir kommen und wohin wir gehen. Sonst hieße es ja auch Wissen... (Danke für diesen Impuls in den letzten Tagen, Dr. Timmermanns!)
Mit diesen Ideen, Glaubensangeboten kann man sich beschäftigen, fundiert. Danach kann man sie annehmen oder ablehnen.
Wer sie annimmt füllt auch die psychischen Raum, den Raum der Seele. Glaub hilft in schwierigen Zeiten und macht demütig in leichten. Und dabei geht es um keinen konkreten Glauben.
Auch Glaubenssätze, seinen sie in mancher Form der Psychotherapie noch so verteufelt, haben einen starken Nutzen... wenn sie nicht Ich-feindlich formuliert sind.
Füllen wir unsere innere Suche nach Antworten auf größere Fragen mit Dekoartikeln aus dem Baumarkt, dann kann uns das gut tun. Solange es uns gut geht.
Denn der Unterbau positiver Affirmationen ist dünn.
"Live your life" wird schwierig zu befolgen, sobald das Leben sich schwer anfühlt. Wäre es doch so einfach.
"Leben ist leiden", predigte Buddha. Und auch die Bibel ist kein Sammelsurium von Wellness-Weisheiten.
Und das ist auch gut so.
Denn gut laufen tut´s oft von alleine.
Brauchen wir aber Trost und Schutz helfen Weisheiten aus dem Kassenbereich des Möbelhauses selten weiter. Dann braucht es echte Menschen denen ich begegnen kann. Eine Gemeinde.
Was geht mich das an?!
Gar nichts. Ich beobachte jedoch und sehe, dass wir gerade von einer Zeit kommen, die davon gesteuert war, dass es vielen von uns gut ging. Die Frage nach Sinn und Glauben stellte sich nicht.
"Gib nicht auf", "Sei stark", "Tue was Dich glücklich macht!" reichte da oft aus.
Durch Corona, Krieg und Energiepreise ändert sich der Alltag. Manches kann man nicht einfach so erreichen, weil man es will. Worthülsen fühlen sich plötzlich wie inhaltsloses Geschwätz an.
Es braucht eine Rückfallebene. Eine Gemeinschaft von Menschen an die man sich wenden kann und Antworten auf vielleicht aufkommende Fragen.
Gut ist es, wenn man die dort klären kann, wo man sich schon lange mit etwaigen Antworten darauf beschäftigt.
Wo das ist muss jeder für sich entscheiden. Ich bin mir aber sicher, dass es nicht die Aktionsfläche eines Baumarkts sein wird.
Einen herzlichen Gruß
Christoph Palmert
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