Klassenfahrt Heimweh
Mein Sohn fährt auf Klassenfahrt. Zum ersten Mal in seinem Leben alleine unterwegs.
Er ist sich nicht sicher wie er es findet. Ich auch nicht.
"Sie werden so schnell groß!" - was für ein alberner Satz. Albern, so lange man selber nicht betroffen ist.
Sobald man eigene Kinder hat, ist dieser Satz quasi Paragraph 1 der Elternbibel.
(Ok, ausgenommen vielleicht die ersten 18 Monate, die gefühlt gar nicht rumgehen wollen.)
Freuds ewiger psycho-Gassenhauer der Übertragung und Gegenübertragung kommt bei uns gerade voll zum Vorschein. Wobei mir nicht ganz klar ist, wer was auf wen überträgt oder gegenüberträgt.
Auf jeden Fall wird eine ganze Menge übertragen, bewusst und nicht bewusst.
Wie gehe ich damit richtig um? Ich sollte es doch wissen und habe doch keine Ahnung.
Bei Erstsituationen ist man doch immer nur blutiger Anfänger.
Wie wird es sein? Schaffe ich das? Was mache ich, wenn er mir nicht gut geht? Bin ich bereit?
All diese Fragen tun sich auf, beim Kind und irgendwie auch bei mir. Es herrscht eine gespannte Mischung aus Vorfreude und vorauseilender Angst. Angst vor dem Unbekannten, dem Unplanbaren, dem noch-nie-Gemachten. Und gleichzeitig sind wir uns, unausgesprochen, der Größe des Schritts bewusst: die erste Klassenfahrt ist immer auch irgendwie der nächste Schritt ins Erwachsenenwerden, in die Selbstständigkeit.
Ich erinnere mich an meine eigenen Fahrten. Keine davon fand ich gut oder hätte mir Spaß gemacht. Bis heute eröffnet sich mir der Reiz von Reisen im Kollektiv nicht. Eine Busreise oder eine Kreuzfahrt, ein Cluburlaub oder sonstige Gruppenreisen sind für mich der Inbegriff von Arbeit - also das Gegenteil von Urlaub. Und trotzdem stand am Ende jeder Fahrt das gute Gefühl es geschafft zu haben, alleine zurecht gekommen zu sein. Ein stets wertvolles Erlebnis.
Und stets spielt Heimweh eine Rolle. Dieses diffuse Gefühl, diese Melange aus Furcht, Angst, dem Gefühl alleine zu sein und der liebevollen Erinnerung an einen schönen Ort.
Heimweh kann nur haben, wer ein liebevolles Zuhause hat. Sonst hätte dieser Ort keine Sogwirkung und würde aus der Entfernung nicht so übertrieben hell strahlen.
Heimweh schmälert die Selbstwirksamkeit. Man ist am Ort A und möchte an Ort B sein. Es liegt nur sehr bedingt in der eigenen Macht diesen Schritt zu gehen. Dadurch schwinden Selbstsicherheit und Selbstvertrauen.Im Gepäck meines Kindes befindet sich daher ein Briefumschlag, nur zu öffnen im Fall von Heimweh.
Gleichzeitig lerne ich gerade wieder selber sehr viel. Darüber wie man Aufgaben meistert und wie man, auch im Erwachsenenalter, Krisen begegnen kann. Ein Stückchen geht es darum neugierig zu bleiben, flexibel und dabei auszuhalten, dass manche Sachen einfach so sind wie sie es sind.
Es gibt nicht immer eine inhaltliche Lösung. Jedoch kann man mit sich und seiner Umwelt im Kontakt bleiben und offen darüber sein, wie man sich fühlt und was man gerade (nicht) braucht. Auf diese Weise gibt es immer eine mentale Lösung.
Eine Klassenfahrt ist ein Synonym für Veränderung und Wachstum. Für Situationen, durch die man hindurchgehen kann oder vor denen man sich wegduckt.
Solche Dinge sind kein Kinderkram, sie begleiten uns ein Leben lang.
Ich finde es toll meine Kinder bei diesen Schritten begleiten und beraten zu dürfen, zusammen zu scheitern und Erfolge zu feiern.
Mal schauen wie´s wird.



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